19. Sonntag nach Trinitatis, Jakobus, 5,13-16

 

 

 

Begrüßung:

 

Liebe Gemeinde! Beten wir noch? Warum? Wofür? Für wen oder was beten wir? Dieser Gottesdienst will uns einladen, wieder einmal über unser Beten, über Bitte, Dank und Fürbitte für andere nachzudenken. Vielleicht gibt es ja gerade heute wieder gute Gründe dafür, wieder einmal mit einem bedachten Beten anzufangen.

           

            Sehr herzlich begrüße ich den „Gesangverein Lichteneck – Hecklingen“ in unserem Gottesdienst. Es ist schön, dass heute eine gute Tradition fortgesetzt wird, und Sie eine Brücke vom Ortsteil Hecklingen - und mehrheitlich katholisch - zu uns hinüber nach Kenzingen und in einen evangelischen Gottesdienst schlagen. Ihnen allen ein herzliches Willkommen.

 

Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! (Ps. 31,15)

 

 

Gebet:

 

Du, Gott, sagst mir, dass ich kommen kann, wann immer ich will und wie immer ich mich fühle. Du, Gott, sagst mir, dass ich bleiben kann, wann immer ich es brauche und wie oft ich auch komme. Du, Gott sagst mir, dass ich gehen darf, was immer auf mich wartet und was immer mir droht. Du bist bei mir in der tiefsten Finsternis und im schönsten Glück.

 

Wer von euch Schweres zu ertragen hat, soll beten. Wer von euch glücklich ist, soll Loblieder singen. Wer von euch krank ist, soll die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Ihr vertrauensvolles Gebet wird den Kranken retten. Der Herr wird die betreffende Person wieder aufrichten und wird ihr vergeben, wenn sie Schuld auf sich geladen hat. Überhaupt sollt ihr einander eure Verfehlungen bekennen und füreinander beten, damit ihr geheilt werdet. Das inständige Gebet eines Menschen, der so lebt, wie Gott es verlangt, kann viel bewirken.

 

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

In ihrem Buch „Den Rhythmus des Lebens spüren“, schreibt Dorothee Sölle: “Eine Zen-Geschichte erzählt von einem Mann aus dem Volk, der eines Tages einen Meister (Meister Ikkyou) fragte, ob er ihm nicht `ein paar Lehrsätze von höchster Weisheit aufschreiben´ könne. Da nahm der Meister einen Pinsel und schrieb damit das Wort `Aufmerksamkeit´. „Ist das alles?“ fragte der Mann. `Willst du nicht noch etwas hinzufügen?´ Darauf schrieb der Meister zweimal hintereinander das Wort `Aufmerksamkeit´. Der Mann meinte enttäuscht: `Deshalb sehe ich dennoch weder Feinheit noch Tiefe in dem, was du da schreibst.´ Da schrieb der Meister dreimal das gleiche Wort. Fast ärgerlich sagte der Mann: „Was soll dieses Wort Aufmerksamkeit nun schließlich bedeuten?´ Und der Meister antwortete: `Aufmerksamkeit bedeutet Aufmerksamkeit.´ [1]

 

Da wird über den Menschen gesagt, er sei wieder religiöser, doch das Beten ist den meisten von uns wohl eher fremd geworden. Gebetet wird dann, wenn man eine Not fühlt, ein Kind krank, ein alter Mensch am Sterben ist, eine schwere Aufgabe bevorsteht. Und es ist ja durchaus gut, wenn man sich in solchen Momenten daran erinnert, dass es ja die Möglichkeit des Betens gibt. Und doch ist Beten mehr als eine Art Notlösung und davon erzählt diese kleine Geschichte von der Aufmerksamkeit.

 

Sie verwurzelt uns in der Gegenwart, sie lässt keine Flucht zu. Sie gilt für alle unsere Planungen und Unternehmungen, für Menschen, Tiere und Dinge. Wer aufmerksam lebt, lebt nicht gedankenverloren in den Tag hinein, sondern hat acht auf all das, was ihn umgibt. D.F. Schleiermacher sagte in einer Predigt einmal: „Fromm sein und Beten ist eigentlich eins und dasselbige... [2] Im Gebet versucht der Mensch deutlich zu machen, wo er steht: Im Alltag, bei der Arbeit, in der Schule, in der Freizeit und dem Vergnügen, in der Langeweile, im Glück. Unser Beten darf also nicht erst dann beginnen, wenn alles zu spät ist und dazu ermutigt uns unser kleiner Textabschnitt aus dem Jakobusbrief. Weil es ihm, wie wir es in der letzten Woche hörten, nicht so sehr um den Glauben selbst, als vielmehr um ein Handeln aus dem Glauben heraus geht, war dieser Brief für Martin Luther eine „stroherne Epistel.“ Dabei bezieht sich der Jakobusbrief neben Paulus und Johannes vor allem auch auf die alttestamentliche Weisheit.

 

Mit der Weisheitsliteratur in Israel sollten Menschen aus den mehr gebildeten Kreisen und gehobener Schichten erzogen werden, Königs- und Beamtenkinder, die Kinder ausländischer Botschafter oder wohlhabender Kaufleute. Ihnen wurden diese kurzen, lehrhaften Sätze vermittelt, die sich gut einprägten und oft den Sinnsprüchen ähneln, wie wir sie von unseren Großeltern zu hören bekamen. So wird uns nun in kurzen, knappen und einprägsamen Sätzen eine Theologie des Gebetes vermittelt. Fasst man sie zusammen, so lässt sich vor allem sagen, dass wir in guten und in schweren Zeiten, also eigentlich so oft als möglich beten sollten. Wo immer wir es tun, beziehen wir ja Gott als Ansprechpartner in unser Leben ein, da bleibt er nicht ausgegrenzt und auf bestimmte Anlässe reduziert, sondern er begleitet gedanklich unser ganzes Leben.

 

Aber fragen wir uns doch einmal: Wer von uns denn noch betet? Wann beten wir? Warum beten wir? Für wen beten wir – für was und wofür beten wir? Wüssten wir Antworten? Wenn wir z.B. in unseren Gottesdiensten an die Verstorbenen der vergangenen Woche denken, am Ewigkeitssonntag oder in der Osternacht, so geht es doch darum, Anteil zu nehmen am Leid derer, die einen vertrauten Menschen verloren haben. Mitleid bedeutet das Leid anderer wahrzunehmen und nicht stumm und taub dafür zu sein, es ist die Fähigkeit, zu der nur die Menschen fähig sind. Und so bringen wir im Gottesdienst das Leid derer vor Gott, mit denen wir das Leben teilen. Wo uns oft nur das Schweigen bliebe, schenkt uns der Glaube Worte.

 

Oder, wenn wir kürzlich hier im Gottesdienst an drei junge Menschen aus unserer Gemeinde dachten, die besorgniserregend krank geworden waren, so doch nicht, um unsere Neugier zu befriedigen, sondern um das ganze Leid und die abgrundtiefen Sorgen der Eltern zu teilen, sie vor Gott zu bringen, ja dazu einzuladen, dass wir aus dem Gottesdienst heraus gehen und für andere Menschen vor Gott eintreten. Das ist die Aufmerksamkeit, um die es dem buddhistischen Zen-Meister geht. Darum geht es in unserem Text der Bibel.

 

In der katholischen Kirche ist die „Krankensalbung“ sogar eines der sieben Sakramente, auch wenn wir sie in dieser Weise nicht kennen. Wir wissen doch darum, wie hilfreich es ist, für kranke und sterbende Menschen zu beten, ja mit ihnen und mit ihren Angehörigen zu beten. Da geht es im letzten Stadium sicher nicht darum, um Heilung zu beten, wenn das Leben nun einmal am Ende und gelebt ist oder die Krankheit eine Krankheit ist, die zum Tode führt. Aber es geht darum, Gott gerade jetzt in dieser schwierigsten Situation eines Menschen, nämlich vor seinem bevorstehenden Tod, zu bitten, dass er da sein möge, gegenwärtig in diesem Abschied aus dem Leben, gegenwärtig in der Trauer und Angst der Angehörigen.

 

Da wird nicht um ein Wunder gebetet, wenngleich auch das in anderen Situationen durchaus sein Recht hat, nein, es wird nur darum gebetet, dass Gott jetzt der Gott unserer Tiefe sein möge, der Gott, der uns über die Berge hinwegschauen lässt, die uns den Blick für das Leben verstellen. Und das ist viel, sehr viel mehr, als sich sprachlos dem Leid des Abschiedes ausgesetzt zu fühlen. Darum bin ich dankbar dafür, wenn Gemeindeglieder zu mir kommen und mich bitten, für sie oder einen Angehörigen zu beten oder sie beim Abschied eines vertrauten Menschen zu begleiten. Ich tue das wirklich gern. Übersetzt man den Begriff Mit-Leid ins griechische zurück, so stoßen wir auf den Begriff Sympathie. Und sollte das unter uns Christen nicht möglich sein, aufmerksam acht zu haben aufeinander, einfach aus Mitleid heraus, aus Sympathie für einen Mitmenschen?

Darum wird das Schlussgebet in unseren Gottesdiensten ja auch „Fürbittgebet“ genannt, weil wir gerade in diesem gottesdienstlichen Gebet für andere Menschen oder Situationen vor Gott eintreten.

 

Nehmen wir ein letztes Beispiel: Warum beten wir denn am Anfang eines jeden Gottesdienstes ein Bußgebet, wenn wir doch alle so toll, so groß und stark, so erfolgreich, so gerecht und mitleidsvoll mit dem Menschen der Kreatur und der Natur sind? Nein, selbst im Konfirmandenunterricht war sehr schnell klar, dass wir all das nur allzu oft eben nicht sind, auch wenn wir es sicher gern wären. Und so hilft uns jedes Bußgebet darüber nachzudenken, wo etwas in unserem Leben eben nicht stimmt und wo es hilfreich wäre, wenn sich etwas ändern könnte. Gerade am Bußgebet wird so sehr einprägsam deutlich, dass sich die Welt durch unser Beten verändern kann.

 

Wo ich mir nämlich nichts mehr über mein Leben vormachen muss und zu meinen Fehlern vor Gott einzustehen lerne, da kann ich mich auch ändern: Der Blödmann neben mir, muss dann nicht mehr blöd bleiben, wenn ich ihn selbst in mein Gebet mit einbeziehe; meine eigene Aufmerksamkeit wird dazu führen, dass ich Menschen anders sehen und schwierigen Situationen anders zu begegnen lerne. Meine Gleichgültigkeit im Umgang mit den Ressourcen meiner eigenen Umwelt und der Welt, darf einer neuen Achtsamkeit weichen, so dass ich aufmerksamer mit vergänglichen Energien umgehe, ohne sie zu verschwenden. Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Es ist das bedachte Gebet, mit dem sich durchaus die Welt, unsere Welt hier, verändern lässt, weil ich durch mein Gebet, durch mein Gespräch mit Gott, zunächst mich selbst verändere.

 

Darum ist es ja auch so sinnvoll, schon mit Kindern zu beten, sie mit Bitte und Dank mit ihrer Erfahrung von Gelingen und Misslingen mit Gott in Verbindung zu bringen. So lernen sie betend ihre eigene Welt zu bedenken, mit all dem, was ihnen begegnet, und nicht abgestumpft und selbstverliebt in den Tag hinein zu leben. Jedes Gebet wird ja vom Glauben, vom Vertrauen getragen, zugleich aber führt es uns in die psychologischen Tiefen unseres Daseins und schärft unser soziales Empfinden. So wird deutlich, dass, wer betet nachdenkt, sein Leben be-denkt und da ist es dann sogar gut, wenn zunächst auch eine Not uns beten lehrt.

 

Lasst uns im Hören auf Gottes Wort empfindsam werden für unser Beten, weil es uns aufmerksam macht auf Gott und die Welt. So finden wir durch das Gebet zu einer neuen Sprache und Weltsicht. Gott sei Dank. Darum:

 

Wer von euch Schweres zu ertragen hat, soll beten. Wer von euch glücklich ist, soll Loblieder singen. Wer von euch krank ist, soll die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Ihr vertrauensvolles Gebet wird den Kranken retten. Der Herr wird die betreffende Person wieder aufrichten und wird ihr vergeben, wenn sie Schuld auf sich geladen hat. Überhaupt sollt ihr einander eure Verfehlungen bekennen und füreinander beten, damit ihr geheilt werdet. Das inständige Gebet eines Menschen, der so lebt, wie Gott es verlangt, kann viel bewirken.

 

Amen.

 


 

Literatur:

 

1) Sölle, D., Den Rhythmus des Lebens spüren, Freiburg, 2001, S. 17

2) Sölle, D., Atheistisch an Gott glauben, gebet, Olten, 1968, S. 113

 

 

Sölle, D., Sympathie, Stuttgart, 1978

Zachhuber, G., Calwer Predigthilfen, 1999/2000, Reihe IV/2, Stuttgart, 2000

 

 

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