Evangelische Kirchengemeinde Kenzingen

3. Sonntag nach Trinitatis, 1. Einführung in die gottesdienstliche Liturgie: Das Votum

 

 

Begrüßung:

 

Liebe Gemeinde! Wir kennen sehr unterschiedliche Anfänge und Abschiede. Wir stehen morgens auf und gehen abends ins Bett. Wir beginnen eine Arbeit und beenden sie. Wir brechen auf und kehren heim. So ist es auch mit einem Gottesdienst, denn nach dem Glockenläuten, dem Präludium und einem ersten Lied, beginnt der Gottesdienst – wir haben es eben wieder gehört – mit dem Votum, den Worten: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ und die Gemeinde reagiert darauf mit einem bekräftigendem „Amen!“

           

            Heute soll es einmal um dieses erste Wort im Gottesdienst gehen. Die Liturgie unserer Gottesdienste ist uns ja ziemlich fremd geworden und so wollen wir nach und nach einige Teile unserer gottesdienstlichen Liturgie miteinander bedenken:

 

            Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

 

 

Gebet:

 

Herr, wir haben es oft gar nicht mehr so einfach mit unserem Glauben. Da gibt es so viel in unserem Leben, was uns daran hindert. So ist uns vielfach auch der Gottesdienst mit seiner alten, ehrwürdigen Liturgie fremd geworden, dem Wechsel von einzelnen Texten, biblischen Lesungen, unterschiedlichen Gebeten und Liedern, - mit all dem, was der Pfarrer und die Liturgen tun und dem, wie die Gemeinde darauf reagiert. Herr, lass uns spüren, wie sehr wir gerade in der gottesdienstlichen Liturgie allen Konfessionen und Kirchen verbunden sind – über alles Trennende hinweg und durch die Geschichte der Christenheit hindurch. Darum kommen wir zu dir und bitten dich um deinen guten Geist, damit wir unsere Gottesdienste wie ein Fest zu Deiner Ehre feiern und zur Bestärkung unseres Glaubens in unserer Welt. Amen.

 


 

„Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

„Oh Gott, Herr Pfarrer...“, erinnern Sie sich an diese Fernsehserie der 90er Jahre, die fast ein Straßenfeger wurde? Dabei ging es um einen Pfarrer in ganz unter-schiedlichen Situationen seines Gemeindelebens, auch in der Auseinandersetzung zwischen einem eher konventionellen Glauben und einem, der den Mut hat, neue Wege zu suchen und zu gehen. Der Seufzer jedenfalls „Oh Gott, Herr Pfarrer“, war vielfach zu hören. Gott ist scheinbar doch noch nicht so tot, wie Friedrich Nietzsche es behauptete, denn immer wieder hören wir, dass Menschen den Namen „Gott“ in den Mund nehmen und für ihre Zwecke nutzen. Vereinsvorstände reden vom „Wettergott“, entsetzte Menschen stoßen ein besorgtes „Oh Gott“ hervor, dankbare Menschen ein befreites: „Gott sei Dank!“ Doch was bedeuten solche Aussagen heute noch?

 

Gott und Engel, Bischöfe und Pfarrer, Mönche und Nonnen sind längst Teil der Werbung geworden. Man vertraut ihnen, doch sonst? Vor wenigen Wochen dachten wir im Gottesdienst über eine „Doxologie“ nach, über einen Lobpreis. Dabei sagte ich: „Wo es uns selbst so schwer fällt, Gott uneigennützig anzubeten, da hilft uns die Liturgie eines Gottesdienstes. Vielen ist sie fremd geworden, weil uns ihre Bedeutung gar nicht mehr bewusst ist. Doch der christliche Gottesdienst war von Anfang an durch seine Liturgien geprägt. „Liturgie“ bezeichnete „im Griechischen profan den Dienst von Bürgern an der Öffentlichkeit...“ [1] Wir kennen das von Großveranstaltungen, ob der Europameisterschaft oder den Herbert Grönemeyer Konzerten, es laufen ganz bestimmte, oft unabgesprochene Rituale ab, welche die Masse verbindet. Das brachte uns auf die Idee einmal ein wenig grundsätzlicher über die gottesdienstliche Liturgie nachzudenken, sie uns besser bekannt zu machen.

 

Im Grunde wissen wir alle dass der Name Gottes nicht daher geplappert werden soll, heißt es ja in den Geboten nach dem Leitgebot „Ich bin der Herr, dein Gott...“ im zweiten Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnützlich führen ...“ Gerade im Gottesdienst geht es darum, Gott die Ehre zu geben und dies geschieht vor allem in den einzelnen liturgischen Stücken. So heißt es: „Im Gottesdienst schenkt sich Gott durch Wort und Sakrament seiner Gemeinde und durch sie der Welt... Darum ist der Gottesdienst die Mitte der Gemeinde. Er ist zugleich Sache der Gemeinde, die in geordneter Weise in der Liturgie zu Wort kommt...“ [2]

 

Nach dem Glockenspiel, einem Präludium (dem Orgelvorspiel) wird der Gottesdienst mit einem Lied begonnen, dem folgt als erster Satz des Liturgen das „Votum“: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,“ worauf die Gemeinde mit „Amen“ antwortet. Schon das erste Wort eines Gottesdienstes zielt ganz und gar auf Gott ab. In seinem Namen und Auftrag feiern wir den Gottesdienst. Zugleich aber werden wir mit jedem Votum an unsere Taufe erinnert, die ebenfalls im Namen des dreieinigen Gottes an uns vollzogen wurde.

 

 

Oft ist uns ja nicht einmal mehr bewusst, warum wir denn eigentlich unsere Gottesdienste feiern. Das Echo unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden auf den Konfirmandenunterricht war durchweg positiv und das betraf nicht nur die Konfirmandenwochenenden, doch mehrfach war der Seufzer über den Gottesdienst zu hören – vor allem über die gottesdienstliche Zeit. Dass dies ein vielfach vorgeschobener Grund ist, liegt auf der Hand, da wir ja unsere regelmäßigen Abendgottesdienste feiern. Nein der Grund ist ein ganz anderer: Jugendlichen ist der Gottesdienst einfach fremd geworden, weil er schon lange zuvor den Erwachsenen fremd geworden ist.

 

Nun lebt man mit seinen verschiedenen Vorurteilen, die gepflegt werden, doch man ist unfähig, das moderne gottesdienstliche Angebot anzunehmen, weil das alles schon gar kein Thema mehr im Alltagsleben ist. Ich merke das auch bei Gesprächen anlässlich von Trauungen, Taufen und Beerdigungen. Und vielfach wird erst in diesen Begegnungen der Widerspruch deutlich, dass ich zwar einen Gottesdienst für mein ganz persönliches Anliegen an einer Schwelle in meinem Lebenslauf will, aber sonst ja nie einen Gottesdienst feiern würde. Hier wird der Gottesdienst für die eigenen Zwecke missbraucht. Das vorbereitende Gespräch im Pfarrhaus wird also den Zweck haben müssen, jedem Gemeindeglied einen neuen Zugang zum Verständnis von Glaube und Kirche, vor allem aber auch zum Gottesdienst zu vermitteln. Es ist eine Hinführung zum Kern des christlichen Glaubens in einer säkularen Welt, letztendlich ist es Mission.

 

Wo wir etwas „im Namen Gottes“ beginnen, da steht alles unter einem ganz bestimmten Vorzeichen, unser ganzes Leben, der vielleicht einmal schwierige Alltag, Höhen und Tiefen, Freude und Trauer, die Arbeit oder Freizeit. Im Gottesdienst, den wir in der Gemeinschaft so vieler Mitchristen feiern, darf sich niemand ausgeschlossen fühlen, ob ein Kleinkind oder ein gebrechlicher älterer Mensch, ob traurig oder glücklich verliebt - im Gottesdienst muss ein jeder von uns seinen Platz haben und es muss dort Menschen geben, die uns nehmen, wie wir sind. In gleicher Weise gehören die Erfahrungen einer Woche, eines ganzen menschlichen Lebens in ihn hinein.

 

Wir alle wissen, dass es eben nicht gleichgültig ist, unter was für einem Vorzeichen wir etwas beginnen. Und so ist es auch mit dem Gottesdienst. Von Anfang an soll klar sein, jetzt geht es um Gott und weil es um Gott geht, darum geht es auch um den Menschen und seine Welt. Das „Votum“, dieser biblische Wunsch, ist auch so etwas, wie ein feierliches Gelübde mit dem der Liturg den Gottesdienst beginnt. Das erste Wort gilt Gott, dem wir im Gottesdienst die Ehre geben und der uns durch sein Wort und mit seinem Geist dient. Es ist ein zweifacher Dienst sowohl Gott als auch der Welt gegenüber der nun mit ganz unterschiedlichen Formen bedacht wird: Da spricht der Liturg, es antwortet die Gemeinde, Lieder, Schriftlesungen und Gebete wechseln einander ab, Gott wird von uns angebetet, wir hören auf das, was Gott uns zu unserem Leben sagt. Was passiert da eigentlich, wo Gottesdienst gefeiert wird?

 

Christen hören auf das Wort Gottes, sie bekennen und bezeugen das Evangelium, Gott wird gelobt. In der Taufe werden junge Menschen in ihre Kirche aufgenommen und in eine Beziehung zu Gott gebracht. Die Kirche feiert das Mahl des Herrn. Bitte und Dank haben in unterschiedlichen Gebeten ihren Platz und nehmen uns für einen Augenblick heraus aus dem Trubel der Welt.

Da der Gottesdienst aber ein Dienst mitten in unserer Welt ist, geht es darum, dass wir uns zunächst einmal sammeln und in Ruhe zum Nachdenken kommen – buchstäblich über Gott und die Welt und er endet im Fürbittengebet und im Schlusssegen, also der Erkenntnis der Weltverantwortung und dem Aufbruch in den Alltag zurück. [3]

 

Unter dem Leitwort: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“ entwickelt sich die nachfolgende Liturgie. Die liturgischen Ordnungen verbinden uns in unseren Gemeinden und mit der Kirche weltweit, ja zum Teil auch über alle konfessionellen Grenzen hinweg. Die Gemeinde kommt in sehr unterschiedlicher Weise selbst zu Wort. Martin Luther, der ja um die große Freiheit und Vielfalt der Gottesdienste in der jungen Kirche wusste, sagte in seiner Vorrede zur Deutschen Messe: „Vor allen Dingen will ich sehr freundlich, auch um Gottes willen, alle diejenigen gebeten haben, die diese Ordnung im Gottesdienst sehen oder befolgen wollen, dass sie ja kein notwendiges Gesetz daraus machen noch jemandes Gewissen darein verstricken oder fangen, sondern sie gemäss der christlichen Freiheit nach ihrem Belieben brauchen, wie, wo, wann und wie lange es die Umstände fügen und erfordern...“ [4]

 

Dies ist unser evangelisches Verständnis des liturgischen Gebrauchs, denn es soll, ja es muss verbindliche Elemente haben, die sich aus dem Verständnis der Christenheit über unsere Gottesdienste selbst verstehen und es muss andererseits in unterschiedlichen Teilen die notwendige Gestaltungsfreiheit geben. Ich denke, dass gerade die Liturgie unserer Gemeinde dieses ausbalancierte Verhältnis widerspiegelt, ja vielleicht sogar ein wenig beispielhaft ist. Liturgische Texte bis hin zur gelegentlichen freien Wahl eines Predigttextes können nicht lebendig sein, wenn die Liturgen sich sklavisch an einmal gemachte Vorgaben halten müssten. Wir erleben das leider auch heute noch in Gottesdiensten, in denen eine Sprache gesprochen wird, die keiner mehr spricht und darum auch nicht verstanden wird. Letztendlich geht es in unserem liturgischen Handeln ja nicht um ein ästhetisches Anliegen, sondern darum, Gott aus unserem Leben heraus heute angemessen zu loben und zu ehren, ohne die lange Tradition der Kirche, der Christenheit und ihrer Gottesdienste zu vergessen.

 

„Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

 

Diesem ersten sprachlichen Ausgangspunkt des Gottesdienstes muss alles andere an verschiedenen Texten, Lesungen, Gebeten und Liedern nachgeordnet werden, es muss Sinn machen, Gott ehren und uns Menschen auf unserem Weg zu Gott und in die Welt hinein helfen. Darum spricht die Gemeinde schon hier, sofort am Anfang des Gottesdienstes ihr erstes bekräftigendes „Amen“, das heißt: ja so soll es sein, so soll es geschehen – denn ohne den guten Geist Gottes würde uns kein Gottesdienst gelingen und wir würden weiterhin über Gott leer und inhaltslos daherphantasieren. Darum: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Amen.

 


 

 

 

Liturgie:

 

 

1) Schneider, H.-H., Predigt vom Sonntag Trinitatis 2004 (s. Predigtsammlung)

2) Agende für die Evangelische Landeskirche in Baden, Band I,

    Ordnung der Gottesdienste, Karlsruhe  1996, S. 2

3) Agende a.a.O., S. 2+3

4) Luther, M., Hrsg., Bornkamm, K. und Ebeling, G., Ausgewählte Schriften,  Band V,

     Frankfurt, 1982, S. 74

 

 

Für die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Liturgie ist die vatikanische „Instruktion Redemptionis Sacramentum“ interessant, vom 25. März 2004, s. http://www.vatican.va/

 

 

Weiterführende Literatur:

 

Sauer, R., Die Kunst, Gott zu feiern, München, 1996

Lang, B., Heiliges Spiel, Eine Geschichte des christlichen Gottesdienstes,

                München, 1998

Stollberg, D., Liturgische Praxis, Göttingen, 1993

 

 

Wir weisen darauf hin, dass Sie alle unsere Predigten im Internet nachlesen können. Sie finden sie unter:

 

http://www.evang-kirche-kenzingen.de und

http://www.predigten.de (Powersearch anklicken, Text oder Name eingeben)