Evangelische Kirchengemeinde Kenzingen

1. Advent, 30.11.2003
Römer 13, 8-14

Begrüßung:

Liebe Gemeinde! Advent!? Leere Gewohnheiten schön verpackt, - Hoffnungen ohne Überraschungen, - Form ohne Inhalt? Es ist wieder einmal Advent geworden, doch was erwarten wir vom Leben, vom Partner, den Eltern oder Kindern, von der Regierung, vom Glauben, von der Liebe, von Gott?

Es liegt allein an uns selbst, wie wir die Adventszeit nutzen und ob es uns einmal gelingt, mehr zu gewinnen, als das eine oder andere Geschenk; mehr zu hören, als den gefühligen Lärm in den Geschäften, auch wenn er noch so frömmelnd daher kommt; mehr zu sehen, als den Glimmer weihnachtlicher Werbung.

Advent: Ankunft, es liegt an uns selbst, wen oder was wir bei und in uns ankommen lassen. Eines steht unverbrüchlich fest, nämlich dass Gott in unserem Leben ankommen möchte. Darum: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!"
(Psalm 24,7)

Gebet:

Herr, guter Gott! Wir bitten dich an diesem ersten Adventssonntag, schenke es uns und unserer ganzen Welt, dass du wieder einmal bei uns ankommen kannst. Lass uns rechtzeitig bedenken, was wir verlieren, wenn uns die Feste der Kirche fremd geworden sind und was wir gewinnen, wenn wir sie neu mit Leben füllen. Herr, es geht um unseren Glauben, es geht um die Liebe, die wir leben oder verweigern. So lass gerade diese vorweihnachtliche Zeit dazu dienen, dass wir wieder einmal zur Besinnung zu kommen, uns auf das besinnen, was uns und der Welt dient
Amen.

Predigttext:

Bleibt niemand etwas schuldig - außer der Schuld, die ihr niemals abtragen könnt: der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer den Mitmenschen liebt, hat alles getan, was das Gesetz fordert. Ihr kennt die Gebote: "Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört." Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: "Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst." Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.

Macht ernst damit - und das erst recht, weil ihr wisst, was die Stunde geschlagen hat! Es ist Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere endgültige Rettung ist nahe; sie ist uns jetzt näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende, bald ist es Tag. Deshalb wollen wir alles ablegen, was zur Finsternis gehört, und wollen uns mit den Waffen des Lichtes rüsten. Wir wollen so leben, wie es zum hellen Tag passt. Keine Sauf- und Fressgelage, keine sexuellen Ausschweifungen, keine Streitigkeiten und Rivalitäten! Lasst Jesus Christus, den Herrn, euer ganzes Leben bestimmen, und hätschelt nicht eure alte selbstsüchtige Natur, damit die Begierden keine Macht über euch gewinnen.


Liebe Gemeinde!

"Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe... Sieh, das ist die rechte, geistliche, christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, die alle andere Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Das gebe uns Gott recht zu verstehen und zu behalten. Amen." [1]

Mit diesen kräftigen Worten zum Verhältnis von Glaube und Liebe beendet Martin Luther seine großartige Reformationsschrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen!" (1525) Eine Predigt zu unserem Predigttext aus dem Römerbrief könnte jetzt mit diesem unterstreichenden "Amen" enden, es wäre wirklich nichts mehr hinzuzufügen, - aber ...

Aber, wir spüren es alle, so einfach ist es wohl nicht Paulus in das praktische Leben hinein zu übersetzen: in den Alltag, der uns fordert, - in das menschliche Miteinander in Familie, Beruf, Nachbarschaft und Freundschaft, - in das gesellschaftliche Leben einer Stadt, - in die differenzierten Beziehungen zwischen Verbänden und Interessengruppen, doch auch Religionen und damit verbundenen Traditionen, sowie der Auseinandersetzung zwischen Staaten und Völkergemeinschaften unterschiedlichster Prägungen. Hier kann sofort wieder die oft aufgeworfene Frage diskutiert werden, "ob man denn mit der Bibel die Welt regieren kann?" Die Antwort läge wohl auf der Hand, würden wir es einmal - so weit als möglich - versuchen.

Paulus, in Tarsus auf Zizilien geboren, war Jude mit römischem Bürgerrecht. Wir wissen eigentlich nur sehr wenig über ihn, doch immerhin, dass er von einem sehr bekannten jüdischen Lehrer, Gamaliel I. geprägt wurde. Tief ist er in seinem jüdischen Glauben verwurzelt, daher der Verweis auf einen Teil der Gebote, die jedoch schon für ihn in dem einen großen Gebot der Nächstenliebe begründet sind: "Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!" (3. Mose 19,18) Das Liebesgebot ist also durchaus nicht erst durch Jesus in die Welt gekommen, sondern auch er greift auf die Worte seiner Bibel, die Tora, zurück, - unserem Alten Testament.

Paulus auf einem mühevollen Weg zum Christen geworden, lebt praktisch täglich in der Erwartung, dass der Herr, der Herr dieser jungen, verletzlichen Christengemeinden kommt, um die ganze Schöpfung zu erlösen. Mit dieser Naherwartung steht er der Welt in einer gewissen Distanz gegenüber. Viele Sorgen und offene Fragen sind ihm nun nicht mehr wichtig, weil ja der Herr schon bald kommt. Erst so können wir auch seinen eindrücklichen, fast drängenden Appell verstehen, "macht ernst damit (mit dem Glauben) und das erst recht, weil ihr wisst, was die Stunde geschlagen hat! Es ist Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen..."

Wir alle wissen, dass es Gesetze und Gebote gibt, die wirklich lästig und überflüssig sind und doch dürfen wir nicht vergessen, dass solche Regeln zur Humanisierung der Menschen beigetragen haben. Mit solchen Regeln weiß der Mensch wie weit er gehen darf und wo ihm durch sein Zusammenleben mit anderen Menschen Grenzen aufgezeigt werden.
Regeln helfen den Schwächeren zu schützen, und jeder Mensch ist an irgendeiner Stelle seines Lebens schutzwürdig, und sei es als Kind oder als ein Mensch, der auf der Schattenseite des Lebens lebt. Die tiefgreifende gesellschaftliche Diskussion über den richtigen Weg in der Gesundheits- oder Sozialpolitik zeigt, wie schwer es ist, einen gangbaren Weg zwischen dem, was nötig ist und dem, was von der Gesellschaft noch geleistet werden kann und muss, zu finden. Hier spüren wir intuitiv, wie wichtig solche Regelungen sind, will ein Staat noch als ein "Sozialstaat" gelten.

Für Paulus sind solche Fragen Randfragen, obwohl er, wie es der Lasterkatalog zeigt, seine Welt kennt. Er weiß um die Verletzbarkeit des Menschen, die tiefen Schatten, die menschliche Schuld zur Folge hat, welche das Zusammenleben leidvoll verdunkelt. So drängt er, wirbt um den Glauben, sorgt sich um eine andere Art von Leben und Zusammenleben zumindest in den jungen Gemeinden. Ihm wäre es am liebsten, man könnte sich den Glauben an Christus anziehen, wie ein neues Gewand, womit der alte Anzug, das alte Kleid, auf dem Müll landen könnte. Doch wir wissen, dass es so einfach für viele Menschen heute nicht mehr ist, das eigene Leben mit dem Glauben zu verbinden.

In seiner großartigen Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" verknüpft Martin Luther in einer unglaublichen Weise den Christen mit "Christus" und mit dem "Nächsten". Der Glaube verbindet mit Christus, die Liebe mit dem Nächsten. Dabei ist die Liebe, von der hier die Rede ist, nicht einfach eine Stimmung, ein wohliges Gefühl, "sie ist ein spürbares Tun, das (das) Leben gelingen lässt." [2] So gesehen ist sie auch nicht einfach eine moralische Forderung an uns, sondern viel eher eine "Kraft", die Menschen aufeinander zu bewegt, Menschen, die darauf vertrauen, dass die Regeln dieser Welt eben nicht immer so bleiben müssen, wie sie sind und dass sich daher das Gesicht der Welt durchaus verändern lässt. Doch diese Veränderung beginnt in unserem eigenen Bemühen. Was wir Christen der Welt schulden ist ein anderer Geist, doch leben wir ihn, be-geistern wir die Welt noch durch ein alternatives Denken, Mitleiden und Fühlen? Wofür engagieren wir uns noch, was über unser Wohnzimmer hinausreicht?

So werden weltliche Gebote zu achten sein, solange sie nicht gegen den Glauben verstoßen, doch im praktischen Miteinander soll es vielmehr um die Liebe gehen. So sagt Luther in seiner Auslegung unseres Textes: "Also hebt der Liebe Gebot alle Gebote auf, und setzt doch alle Gebote in Kraft..." [3] Worüber Paulus (noch) nicht nachgedacht hat, weil es seinem Denken angesichts der Hoffnung auf das Kommen des Messias auch fremd gewesen wäre, ist, dass die Liebe auch konfliktfähig sein muss. Gelebt hat Paulus das, denn in der Auseinandersetzung mit seiner heidnischen Umwelt war er ja durchaus engagiert, herausfordernd und kämpferisch.

Wo immer sich Christen bedeutsam in das Leben der Welt eingebracht haben, war es mit Auseinandersetzungen verbunden, mit einer Liebe, welche die Kraft der Argumente nutzt und es wagt, eindeutig Position zu beziehen. Wo sie einen anderen Weg wählte, machte sie sich oftmals schuldig. Für Luther, und das können wir in dem kommenden Lutherfilm sehr gut nacherleben, geht es um das "solus Christus", Christus allein! Darauf können Christen sich verlassen, ganz gleich, was andere dazu meinen und sagen. Gerade Luther hat seine Paulustexte sehr gut gekannt, ja verinnerlicht, so dass seine existentielle Erkenntnis dahinging zu sagen: schau auf Christus, das gibt deinem Leben (s)einen Halt.
Wir feiern heute den 1. Advent. Ein weiteres Kirchenjahr unseres Lebens ist zu Ende, ein neues Kirchenjahr beginnt. Mit der Adventszeit bewegen wir uns auf das kommende Weihnachtsfest zu, doch wie tun wir es? Was sagt uns diese vorweihnachtliche Zeit noch inhaltlich? Warum und wozu eigentlich Kerzen, Lametta und Flitterzeug, Engel und die alten Lieder? Wo in Kaufhäusern von früh bis spät "Stille Nacht" aus den Lautsprechern tönt, da ist es ganz besonders laut und umtriebig. Wir Deutschen müssen uns fragen, was wir aus unseren kirchlichen Festen und Feiertagen machen, die kaum noch erklärt werden können und deren einziger Sinn scheinbar darin liegt, Feiertage herauszuschinden und Kasse zu machen. Wir sollten uns ehrlicher Weise einmal danach fragen, was denn die alten Advents- und Weihnachtslieder, die wir alle so gern hören und zum Teil ja auch noch singen, mit unserem Glauben zu tun haben, wenn ihre Wirkung auf unseren Glauben gegen Null geht?

Wir zünden Kerzen an, weil Paulus das Bild der Nacht aufgreift, um zu Glaube und Liebe zu ermutigen: "Es ist Zeit für Euch, aus dem Schlaf aufwachen... Die Nacht geht zu Ende, bald ist es Tag..." Noch ist es dunkel, so dass das Licht hilft, die Dinge zu ordnen, um für den Tag gerüstet zu sein. Weihnachten liegt vor uns, wie wollen und werden wir in diesem Jahr das Fest feiern, welchen Sinn soll es für uns und all jene haben, die dieses Fest mit uns feiern?

Darum führen uns im Advent Kerze für Kerze zum Weihnachtsfest hin, wie die Nacht zu einem neuen Tag. Auf dieses Fest sollen wir uns geistvoll vorbereiten, darauf sollen wir eingestellt sein. Da dürfen Geschenke sein, natürlich! Da soll man sich treffen und fröhlich miteinander feiern, dabei muss wohl endlich wieder einmal klar werden, was im Vordergrund zu stehen hat, und warum wir daher dieses Fest so geprägt feiern.

Das Kind in der Krippe ändert nur wenig, wenn wir nicht bereit sind, uns selbst zu ändern. Das Wort vom Kreuz wird immer eine Torheit bleiben, wenn wir es nicht mit Glaube und Liebe füllen lernen. Wozu unser Christsein noch, wenn eine Messe von J. Hydn allein ein Stück wurzelloses Kulturgut im Raum der Kirche ist, Kulturprotestantismus pur, ohne jede Verwurzelung im Glauben? Dazu wurde doch eine Messe komponiert, um Gott die Ehre zu geben und ihm für all das zu danken, was uns mit der ganzen Schöpfung geschenkt ist.

Die Adventszeit gilt eigentlich als eine "stille" Zeit, als eine Zeit der inneren Vorbereitung auf das gedankliche Kommen Jesu, seiner Menschwerdung. Das gilt es in allen Fragestellungen, die uns in dieser Zeit bewegen, zu bedenken, damit Gott wieder eine Heimat bekommt - in uns selbst, in unseren Familien, in unseren Kirchen. Wenn es heute um den Glauben und um die Liebe geht, dann geht es um einen Perspektivenwechsel, um eine andere Blickrichtung. Gott selbst hat es uns mit der Geburt Jesu in diese Welt hinein vorgemacht. Es geht darum, unserer Welt ein Stück Glanz zurückzugeben, den sie tagtäglich dadurch verliert, weil wir ihr den Glauben an Gott und die Liebe zum Nächsten verweigern. Positiv gewendet heißt das: Weihnachten muss in einer ganz anderen Weise in uns selbst und um uns herum "alltäglich" werden, als wir es heute erleben. Die Menschwerdung Gottes beginnt bei uns selbst oder sie beginnt überhaupt nicht. Das ist der erwartungsvolle Anfang des Advents. Wie sagt es doch Luther am Schluss seiner Freiheitsschrift: "Das gebe uns Gott recht zu verstehen und zu behalten. Amen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete Adventszeit.
Amen.


Literatur:

  1. Luther, M. Ausgewählte Schriften, Bd I, Hrsg. K. Bornkamm und G. Ebeling, Frankfurt, 1982, S. 238 ff
  2. Wanzeck, G.-U., Calwer Predigthilfen, Reihe II/1, 1997, S. 15
  3. Luther, M., Epistel-Auslegung, Bd. I, Der Römerbrief, Hrsg. E. Ellwein, Göttingen, 1963, S. 286
Letzte Änderung: 1.12.2003
Pfr. Hanns-Heinrich Schneider